Die sich abzeichnende Zukunft des Internet der Dinge bringt das Konzept der Privatsphäre auf Dauer zum Einsturz. Das meint Geoff Webb, Senior Director Solution Strategie bei NetiQ, dem Security-Portfolio von Micro Focus.

 

Wir sind kurz davor, unsere Privatsphäre zu verlieren. Bisher haben wir Datenschutz und digitale Souveränität als etwas Selbstverständliches wahrgenommen und selten bewusst daran gedacht. Sobald wir nicht mehr darüber verfügen, werden wir diese Errungenschaften aber schmerzlich vermissen. Natürlich wird das Konzept Privatsphäre nicht einfach so verschwinden. Vielmehr wird es sich langsam, ganz langsam, verformen. Bis es so fremd ist, dass man es nicht mehr als Privatsphäre wiedererkennen wird. Diese Entwicklung kommt nicht aus dem leeren Raum, sondern fällt zusammen mit anderen Entwicklungen der Gesellschaft und der Technik. Das Internet der Dinge (Internet of Things, IoT) etwa birgt große Chancen. In einer Welt, in der wir ohnehin 24 Stunden lang miteinander vernetzt sind, verspricht es für Privatpersonen und Unternehmen gleichermaßen enormes Potenzial. Gleichzeitig wird schleichend sichtbar, mit welchen „Opfern“ diese Welt der allumfassenden Verknüpfung einhergeht – eines der größten davon ist unsere Privatsphäre.

Es ist davon auszugehen, dass das IoT Veränderungen vorantreiben wird, deren Auswirkungen sich bei weitem noch nicht abschätzen lassen. Jeder technische Fortschritt fordert einen Wandel. So wie die Einführung der ersten Dampfmaschine im 18. Jahrhundert Veränderungen mit sich brachte, die jenseits der damaligen Vorstellungskraft lagen, kann auch jetzt niemand voraussehen, wie das Internet der Dinge zukünftige Entwicklungen beeinflussen wird. Seinerzeit veränderte die Dampfmaschine eben nicht nur die Vorstellung von Transport und Logistik, sondern beeinflusste zudem Bereiche wie Städtedesign, Wirtschaftsexpansion oder sogar die Einführung einer verbindlichen Standarduhrzeit im ganzen Land. Wie das Internet der Dinge unsere Gesellschaft gestalten wird, ist also noch völlig unklar.

Die fortwährenden Entwicklungen im Ingenieurswesen, egal ob hinsichtlich Verbrennungsmotor, Luftfahrt oder dem Internet, zwingen uns, die Rolle von Technologie in unserem täglichen Leben ständig neu zu definieren. Die Auswirkungen neuer Entwicklungen haben schon ganze Branchen geschaffen oder zerstört. Je mehr sich Technologien in unsere Lebenswelt integriert haben, desto größer ist eben auch das Ausmaß des Einflusses, das neue technologische Durchbrüche auf uns haben. Und doch unterscheidet sich das Internet der Dinge von bisherigen technischen Fortschritten ganz wesentlich. Die Auswirkungen dieses neuen Konzepts werden eben nicht nur in eng abgesteckten Bereichen unseres Alltags zu spüren sein – vielmehr werden sie so gut wie alles, was wir kennen, neu umgestalten: Handel, Wirtschaft, Politik, selbst der Wocheneinkauf im Supermarkt wird dann vor Änderungen nicht mehr gefeit sein. Warum aber ist das so?

Erstens umfasst das Internet der Dinge eine ganze Reihe an „Disruptiven Technologien“ wie unter anderem intelligente Geräte, das Internet, soziale Identität, Big Data, Cloud und Mobilität. All diese Bereiche werden vom Internet der Dinge beeinflusst werden und gleichzeitig einen erheblichen Beitrag zu einer hyper-vernetzten Welt leisten. Das Internet of Things wird all diese Einzelelemente auf eine gänzlich neue Weise miteinander verknüpfen, was deren Effekt noch einmal gehörig verstärkt. Stellen Sie sich eine Kiste voller Dynamit, Schießpulver, Fackeln und Nitroglyzerin vor – die Auswirkungen werden enorm sein. Zweitens darf die alles durchdringende Natur des IoT nicht unterschätzt werden. Bislang kann man vielleicht nur die Bereiche Töpferei und Landwirtschaft mit der invasiven Art und Weise, wie Entwicklungen die Alltagswelt von modernen Gesellschaften „infiltriert“ haben, vergleichen.

Das Internet der Dinge wird überall sein. Wenn es die Alltagswelt verändert, wird dies alles und jeden treffen. Es wird kein „offline“ mehr geben. Wir werden mit dem Internet der Dinge in allem, was wir tun, in Berührung kommen, die Auswirkungen wird buchstäblich jeder zu spüren bekommen. Drittens ist unsere Gesellschaft mittlerweile in einer noch nie dagewesenen Weise an Technologien gewöhnt. Dadurch, dass wir in diesem Bereich ständig neuen Entwicklungen ausgesetzt sind, verfügen wir bereits über das „Mindset“, die Pawlowsche Reaktion, um neue Techniken schnell und bedingungslos zu akzeptieren. Schließlich haben wir als Gesellschaft gelernt, dass diese uns in nahezu allen Lebensbereichen weiterhelfen können. Apps und Geräte gibt es ja mittlerweile für so ziemlich alles. Und doch wird die größte Veränderung, wie wir sie kennen, mit dem Internet der Dinge einhergehen. Es wird das Konzept der Privatsphäre bis zur Unkenntlichkeit verwischen.

In einer 24/7-Online-Welt, in der wir ständig von unzähligen Sensoren und intelligenten Objekten umgeben sind, wird hierfür einfach nicht mehr genügend Platz sein. Wie auch, wenn unsere Kleidung, die Geräte an und in unserem Körper, unsere Möbel alle auf einmal „intelligent“ werden? Was ist in einer derartigen Welt überhaupt noch privat? Und vor allem: privat wem gegenüber? Je mehr Informationen über uns gesammelt werden, desto mehr wird das Konzept vom „offline sein“, also von „allein“ und „privat“ sein, abnehmen. Gleichzeitig werden wir die Kontrolle darüber verlieren, welche Informationen über uns gesammelt werden. Von dem Moment an, an dem intelligente Geräte versuchen, kontextbezogene Informationen über unsere Verhaltensweisen abzugreifen und darüber Rückschlüsse auf unser Leben und unsere Identität herzustellen, zerstören sie jegliche Illusion hinsichtlich Privatsphäre.

 

Das Zeitalter der Privatsphäre neigt sich dem Ende zu. Noch können wir uns schwer vorstellen, wie es sein wird, wenn es so, wie wir es kennen, nicht mehr existiert. Vielleicht werden wir zukünftig mehr über uns lernen? Mehr darüber, was die Menschheit zusammenhält? Vielleicht wird unser 2024 ähnlich sein wie das von Orwell propagierte 1984, in dem die Bevölkerung von der Regierung und einzelnen Behörden rundum-überwacht wird. Vielleicht wird die Zukunft eine Kombination aus allem sein? Wie auch immer die Antwort sein mag – es wird nicht mehr allzu lange dauern, bis wir sie zumindest teilweise wissen.

 

Quelle

http://www.egovernment-computing.de/im-internet-der-dinge-ist-privatsphaere-nicht-vorgesehen-a-508114/

 

 

20.10.2015 | 10524 Aufrufe

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