Schätzung gehen von weltweit rund 400 Millionen Patienten aus. Neue Technologien und Geräte werden in den kommenden Jahren das Management von Diabetes signifikant verbessern. Das Start-up Medella, geleitet von einem 22-jährigen Kanadier, will gegen Google, Microsoft und Novartis antreten. Geld kommt von einem frühen Facebook-Investor.

Wenn es nach Harry Gandhi geht, werden Diabetiker ihren Blutzuckerspiegel in wenigen Jahren mit Hilfe von auf dem Auge zu tragenden Sehhilfen überwachen, in die Digitaltechnik eingebaut ist. Der 22-Jährige hat für sein Medizintechnik-Start-up Medella extra sein Biotechnik- und Wirtschaftsstudium an der University of Waterloo in Kanada abgebrochen. Er gehört zu 20 ehemaligen College-Kids, die Geld von der Thiel Foundation erhalten, einer Stiftung, hinter der der Silicon-Valley-Investor und frühe Facebook-Förderer Peter Thiel steckt.

Die Organisation propagiert libertäre Ideen und zahlt jeweils 100.000 US-Dollar an Jungunternehmer, die sich bereiterklären, für eine Neugründung ihr Studium abzubrechen. Gandhi ist einer der Thiel-Foundation-Fellows des Jahrgangs 2015.

Medella wurde ursprünglich vor zwei Jahren noch an Ghandis Hochschule gegründet. Die Firma will eine Kontaktlinse bauen, die den Glucosespiegel in der Tränenflüssigkeit messen kann, damit Menschen mit Diabetes ihre Krankheit besser managen können. 2012 gab es laut der American Diabetes Association rund 29,1 Millionen Betroffene allein in Amerika – über 9 Prozent der Bevölkerung. Die Kosten für das Gesundheitssystem, die mit Diabetes in Verbindung stehen, belaufen sich mittlerweile auf 245 Milliarden Dollar im Jahr und sie steigen stark. 2007 waren es noch 174 Milliarden.

Noch ist das Medella-Gerät in einer "Makroprototyp-Phase", wie Ghandi sagt – es passt eher auf den Augapfel eines Elefanten als den eines Menschen. Die Technik basiert auf einem winzigen Biosensor, der sich in Kontaktlinsen einbauen lässt und die Feuchtigkeit um den Augenbereich untersucht. Eine integrierte Elektronik verarbeitet die Daten und überträgt sie über eine Antenne an ein kleines Empfangsgerät, das am Kragen, an einer Brille oder an einer Halskette getragen wird. Das Gerät sendet die Informationen dann an ein Bluetooth-fähiges Gerät wie ein Smartphone, wo die Daten dann von einer App gespeichert und analysiert werden.

Momentan benötigen die Kontaktlinsen noch die zwischengeschaltete Minihardware, um das Signal zu verstärken. Zudem wird es benötigt, um die Kontaktlinse drahtlos mit Strom zu versorgen. Medella will aber versuchen, die Bewegungen und elektrochemischen Stoffe um das Auge herum zu nutzen, um den Biosensor betreiben zu können – er verbraucht nur wenig Strom. Allerdings gibt es noch Probleme. So ist die elektrochemische Varianz von Person zu Person sehr groß, wie Ghandi sagt. Die Firma untersucht auch die Verwendung einer an der Linse befestigten Batterie, doch die wäre vermutlich zu voluminös.

Vor der weiteren Entwicklung muss das Team entscheiden, ob die Linse auf Typ-1- oder Typ-2-Diabetes abgestimmt werden sollte. Tests ergaben, dass Menschen mit Typ-1 ihren Blutzucker am besten ständig überwachen, während Typ-2-Betroffene das weniger häufig tun müssten. Bei Typ-2-Patienten wäre vorstellbar, dass sie ihr Smartphone nur kurz vor die Augen halten müssen, um eine Glucose-Messung anzustoßen. Hier müssten dann nicht ständig Daten übertragen werden und der Biosensor wäre auch nicht im Dauerbetrieb aktiv.

Medella erstellt seine eigene App, um die Biosensorinformationen auszuwerten und zu archivieren. "Die Anzahl möglicher Analysen, die man durchführen könnte, ist immens", sagt Gandhi. Denkbar sei etwa das Koppeln von GPS-Daten mit Blutzuckerwerten und einem Zeitstempel. So könnten Patienten besser verstehen, wie verschiedene Aktivitäten über den Tag ihren Glucose-Spiegel verändern.

Gandhi und Medella sind mit ihrem Vorhaben allerdings nicht allein. Technik- und Medizingiganten wie Novartis, Google und Microsoft haben öffentlich Pläne angekündigt, ähnliche Systeme in den nächsten paar Jahren umzusetzen. Gandhi zufolge will sich Medella absetzen, indem die Firma einen Sensor anbietet, der weniger Kalibrierung benötigt und langlebiger ist. Das Start-up war bis letzten Oktober noch im "Stealthmodus" und verriet nicht, was geplant war. In diesem Zeitraum reichte die Firma Patente für ihre Technik ein.

"Es wird sehr interessant zu beobachten, wie sich diese Industrie in den nächsten zwei bis drei Jahren verändert", sagt Gandhi, der noch nicht verraten will, wann die Linse auf den Markt kommt. Der Firmengründer ist in Sachen Start-ups kein Neuling: Medella ist schon sein zweites Unternehmen. Das erste, eine Gen-Sequenzierungs-Firma, scheiterte. "Vielleicht war ich da zu optimistisch. Doch ich denke, man verliert dieses Spiel nur dann, wenn man es nicht weiterprobiert." (Caleb Garling) / (bsc)

http://www.heise.de/tr/artikel/Studienabbrecher-baut-smarte-Kontaktlinse-2712844.html

http://www.medella.ca/

15.07.2015 | 3960 Aufrufe

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