Raffaello D’Andrea entwickelt Roboter an der ETH Zürich. Er befürchtet, dass die zunehmende Automatisierung bald sehr viele gute Jobs für immer verschwinden lässt. Immerhin dürfte es noch lange dauern, bis menschenähnliche Maschinen Realität werden. Im Video (oben) ein Best Of von d'Andreas eindrücklichen Roboterkonstruktionen.

http://www.migrosmagazin.ch/menschen/interview/artikel/robotik-professor-zum-veraenderten-arbeitsmarkt

Dynamic Works - Highlights 2015 from Raffaello D'Andrea on Vimeo.

Raffaello D’Andrea, Sie kon­­st­ruieren Maschinen, die Fussball oder Pingpong spielen – Ihr Job muss richtig Spass machen.

(lacht) Absolut! Aber dahinter steckt ernsthafte Arbeit, und wir legen damit auch Grundlagen für nützliche neue Anwendungen.

Trotzdem werden Sie gerne mit Disneys verspieltem Erfinder Daniel Düsentrieb verglichen. Finden Sie das passend?

Nicht wirklich. Soweit ich mich aus meiner Kindheit erinnere, hat er ohne Unterlass immer neue Dinge erfunden. Das tue ich nicht, die meisten meiner Projekte brauchen fünf Jahre, bis sie fertig entwickelt sind. Dafür funktionieren sie dann auch – ich bin Perfektionist, anders als Daniel Düsentrieb. Und ich entspreche auch überhaupt nicht dem Klischee des zerstreuten Professors.

Raffaello D’Andrea 
und eine seiner Drohnen.

Ist Ihnen wichtig, dass die Ergebnisse Ihrer Forschung nützlich einsetzbar sind?

Mir ist wichtiger, etwas zu tun, das noch niemand getan hat, als an etwas zu arbeiten, das bereits einen klaren Verwendungszweck hat. Aber ich habe im Lauf meiner Arbeit gelernt: Wenn man etwas Neues entwickelt, dann gibt es unweigerlich Menschen, die dafür einen interessanten Verwendungszweck finden.

Kiva Systems, die Firma, die Sie mitbegründet haben, ist auf diese Weise entstanden.

Genau. Als wir mit jener Forschung begannen, wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass daraus ein Unternehmen entstehen könnte. Basis waren die Fussball spielenden Roboter, mit denen wir mehrfach den RoboCup gewonnen haben; eines Tages kam ein Unternehmer auf mich zu und erklärte, er wolle mit meinen Robotern ein vollautomatisiertes Lagersystem aufbauen. So gründeten wir zu dritt Kiva Systems. Die Technologie besteht aus Tausenden von mobilen Robotern, die fast ohne menschliche Hilfe das Material in einem Warenlager sortieren und verteilen.

Amazon hat Ihnen die Firma für 775 Millionen abgekauft. Um Geld brauchen Sie sich also keine Sorgen mehr zu machen?

Das denken immer alle, aber das Geld wurde breit verteilt. Wir hatten Investoren und viele Mitarbeitende, die bereit waren, für weniger Lohn zu arbeiten, wenn sie dafür finanziell an der Firma beteiligt werden. Viele Menschen freuten sich deshalb über den Verkauf.

Wir müssen sicherstellen, dass die Menschen, die durch Automatisierungsprozesse ihren Job verlieren, sich auf produktive Weise wieder in die Gesellschaft integrieren.

Haben Sie kein schlechtes Gewissen, dass Ihre Maschinen irgendwann den Leuten die Jobs wegnehmen könnten?

Das nicht, aber das Thema beschäftigt mich. Wir müssen sicherstellen, dass die Menschen, die durch Automatisierungsprozesse ihren Job verlieren, sich auf produktive Weise wieder in die Gesellschaft integrieren können. Ich weiss nicht, wie genau wir das tun können, aber wir müssen uns jetzt damit befassen, nicht erst in zehn Jahren. Und ich betrachte es als meine soziale Verpflichtung, auf diese Probleme aufmerksam zu machen. Letztlich liegt es an der Gesellschaft zu entscheiden, wie man damit umgeht.

Technologie hat über die Jahrhunderte viele Jobs überflüssig gemacht, aber immer auch viele neue geschaffen, oft hochwertigere. Ist es diesmal anders?

Ich glaube, ja. Der Übergang von der Landwirtschafts- zur Industriegesellschaft brauchte seine Zeit. Der aktuelle Wandel jedoch vollzieht sich viel schneller, sodass ein bedeutender Teil der arbeitenden Bevölkerung Mühe haben könnte, einen neuen Job zu finden.

Muss sich auch die Mittelklasse sorgen?

Es ist ein gradueller Prozess, aber ich denke schon. Weniger gefährdet sind alle Arbeiten, bei denen menschliche Interaktion oder Kreativität wichtig sind. Darin sind wir Maschinen noch lange weit überlegen. Ein begnadeter Verkäufer braucht sich keine Sorgen zu machen. Ebenso wenig ein Designer oder andere Menschen, die gestalterisch tätig sind.

Die Geschwindigkeit des technologischen Fortschritts überfordert den Menschen, sagt ETH-Professor D’Andrea.

Könnte man diese Entwicklung mit der Idee des bedingungslosen Grundeinkommens abfedern, über das wir bald mal abstimmen werden?

Die Idee ist gut gemeint, aber die meisten Menschen generieren einen grossen Teil ihres Selbstwerts über ihre Arbeit. Das Leben ist mehr als ein Dach über dem Kopf und genügend Essen. Ich glaube, viele Menschen ohne Arbeit zu haben würde zu ernsten sozialen Problemen führen. Ein bedingungsloses Grundeinkommen würde den Leuten den Antrieb wegnehmen; aus meiner Sicht ist das keine gute Idee.

Sie stellen viele bemerkenswerte Dinge her. Was denken Sie wird in 20, 30 oder 50 Jahren möglich sein?

Ich weiss es nicht. Aber ich lese gern Science-Fiction, und eigentlich sind es die Autoren dieser Bücher, die sich auf sehr unterhaltsame Weise mit solchen Fragen beschäftigen. Ich kümmere mich lieber um die Gegenwart: Welches sind die Ideen, die ich jetzt umsetzen kann? Die Geschichte hat gezeigt, dass wir sehr schlecht darin sind, korrekt zu prophezeien, was in mehr als fünf oder zehn Jahren passieren wird.

Es dauert inzwischen schon einiges länger, bis die Menschen merken, dass sie mit einer Maschine kommunizieren.

Aber basierend auf dem, was heute schon möglich ist, müsste sich doch extrapolieren lassen, was in ein paar Jahren realistisch ist, oder? Diese Woche startet
22.04.2015 | 9431 Aufrufe

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